Als ich 2010 mit der Fotografie begann, betrachtete ich Fotos aus der technischen Perspektive. Ich sah ein Bild, fand es schön und wollte wissen, mit welchen Einstellungen der Fotograf das Foto auf Film gebannt oder über den Sensor umgesetzt hat. Warum? Nachträglich betrachtet, weil es sowohl in Videotrainings, in Büchern als auch von anderen Fotografen immer wieder erwähnt wurde. Zugegeben, am Anfang ist das vielleicht gar nicht so schlecht, um ein Gefühl für Blende, ISO und Verschlusszeit zu bekommen, doch im weiteren Verlauf hat mich das nicht mehr interessiert, und ich schätze, dass es auch anderen Fotografen so ging.
In der Vergangenheit habe ich mir vor allem Bücher, Zeitschriften und Videotrainings gekauft, um von anderen Fotografen hinsichtlich Technik (Kamera, Equipment, Licht-Setups etc.), Mindset, Arbeitsweise, Kommunikation, Abläufen usw. zu lernen. Ich habe von ein paar berühmten Fotografen erfahren und mir von diesen kleine Bücher gekauft – Bücher, die in etwa das Format A5 hatten. Diese sind günstig und an sich auch nicht schlecht, allerdings haben sie einen großen Nachteil: Die Fotos wirken in dieser kleinen Größe nicht.
Ich habe infolge dessen begonnen Ausstellungen zu besucht, von Fotografen wie August Sander oder Henri Cartier-Bresson. Später habe ich im Photographie-Magazin z. B. von Roger Ballen erfahren; es wurde erwähnt, dass er ein Musikvideo für die südafrikanische Rap-Rave-Band Die Antwoord („I Fink U Freeky“) gedreht hat. Ich finde seine Arbeiten wirklich toll – sie haben eine ganz eigene Bildsprache – und ich fand auch die Band damals echt gut. Leider ist es seit einem Skandal ruhig um die Band geworden. Ich habe mir Aufzeichnungen/Videotrainings von Krolop & Gerst angesehen wo sie Fotografen zu sich eingeladen haben welche zeigten wie arbeiten.
Bei den Ausstellungen gab es natürlich auch immer Bücher zu kaufen, doch die großen Bildbände waren mir zu teuer.
Letztes Jahr, als ich nach meiner langen Pause wieder zu meiner alten Liebe, der Fotografie, zurückgefunden habe, habe ich mir erneut ein paar dieser kleinen Bücher besorgt. Mittlerweile sind solche Bücher ohne Brille nicht mehr so spannend, und deshalb dachte ich mir, ich beginne damit, in Bildbände zu investieren (auch wenn ich aktuell eigentlich keinen Platz dafür habe). Die ersten Bücher in einem größeren Format (also alles über A4) waren von Man Ray und Helmut Newton. Dieses Jahr folgte dann der Bildband „Augenblick!“, drei gebrauchte Bildbände aus dem Stern Verlag von Bruce Gilden, David LaChapelle und Martin Schoeller. Vorgestern habe ich im MQ (MuseumsQuartier) dann einen Bildband von August Sander im Angebot ergattert. Endlich kann ich einen Teil seiner Werke in größer zu Hause betrachten und „studieren“, anstatt in dem kleinen Buch, das ich noch von damals besitze.
Wie viel ich am Ende aus diesen Büchern lernen kann und welche neuen Ideen daraus entstehen, weiß ich nicht. Es ist auch schwer zu sagen, wie das Gehirn diese Informationen verarbeitet und sie in zukünftige Fotos einbindet. Nicht alle unsere Entscheidungen sind bewusst, und auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass dieses eine Foto von mir genau so – jedes Element – geplant war, entstehen manche Dinge auch einfach aus Zufall oder unterbewusst in einem Bruchteil einer Sekunde.
Am Ende ist man das Ergebnis seiner Umwelt, seines sozialen Umfelds. Die Summe aller Einflüsse in unserem Leben, von klein auf, hat uns nach und nach zu dem geformt, was wir heute sind. Daraus entsteht etwas Eigenständiges – das, was uns ausmacht, jeden Einzelnen. Vieles können wir uns im Leben nicht aussuchen: unsere Eltern, den Ort, an dem wir geboren wurden, etc. Ab einem bestimmten Zeitpunkt treffen wir allerdings die Entscheidung, in welchem Umfeld wir uns bewegen, mit welchen Menschen wir zu tun haben, welche Informationen wir aufnehmen und welches Wissen wir uns aneignen. Das Gleiche gilt auch für die Fotos, die wir betrachten.
Ich versuche daher, mich fotografisch in einem Umfeld zu bewegen, das zu mir passt, mir gefällt und mir hoffentlich hilft, mich weiterzuentwickeln. Mein Ziel ist es jedoch weiterhin, meinen eigenen Weg zu gehen, ohne darüber nachzudenken, ob das anderen gefällt oder gefallen könnte. Es ist schön, wenn dem so ist – aber auch vollkommen in Ordnung, wenn nicht.
Ein kleines Beispiel zur unbewussten Reaktion:
Ein Foto, das ich diese Woche – eigentlich schon am Ende meines Afterwork-Photowalks – mit dem Smartphone aufgenommen habe. Mir ist der ausgefallene Buchstabe N aufgefallen, und dann las sich das irgendwie wie ein Dialekt. Für mich ergab sich eher der Satz „That’ze is underwear.“ – so, als würde ein Italiener es aussprechen. Die Modemarke kommt ja auch aus Italien.
Genau in dem Moment erschien auch das Bild oben auf dem Screen – zumindest bilde ich mir ein, dass es so war – und ich drückte ab. Seit einiger Zeit mache ich auch unter bestimmten Bedingungen Fotos mit dem Smartphone. Daher ist dieser Bildstil quasi mein Standard am Smartphone (noch ein Google Pixel 10 Pro).
Was mir beim Bildausschnitt zunächst gar nicht bewusst war, mir aber später aufgefallen ist: das „U“ der U-Bahn. Das gab dem Ganzen für mich noch einen zusätzlichen Kick: „U u … Teze (That’ze) is underwear.“
Ein Beispiel aus der Mischung von Bewusstem und Unbewusstem. Dieses Bild ist mir zu dem Thema als erstes eingefallen – vermutlich, weil es das letzte an dem Tag und in dieser Woche war.

Hier noch ein Bild von den aktuellen großen Bildbände.
